• Thomas Strubreiter

    Der Archebauer

Stolzer Bauer und wahre Inspiration

Thomas Strubreiter lebt den Traum vieler: Die Wintermonate verbringt er mit seiner Frau und seiner Tochter im malerischen Scheffau am Tennengebirge, den Sommer  vier Monate lang auf der Alm. Seit er sechs Monate alt war, haben seine Eltern ihn mit hinauf zur Gastwirtschaft am Seewaldsee genommen. Nach Lehrjahren in Kanada, Europa und der ganzen Welt kehrte er in seine Heimat zurück, um den Hof der Eltern zu übernehmen.  Mit Leidenschaft und Beharrlichkeit erfüllte er sich seine Vision: Seltene Nutztierrassen, wie sie früher im Alpenraum heimisch gewesen waren, zu erhalten und ihren Bestand zu erweitern. Der Abend in seiner gemütlichen Stube wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Bei dem ein oder anderen Glas Wein erzählt der „Archebauer“, wie er mittlerweile österreichweit und bis nach Brüssel bekannt ist,  über Leben, Liebe und Glaube. 

»Kleine Dinge schätzen lernen.«

Lieber Thomas, für viele Menschen bist du mit deiner einfachen Lebensweise eine Institution. Warum ist das so?

Eigentlich bin ich ja Archebauer und mit meiner Arbeit mit den Tieren, dem Holzarbeiten und gerade an einem großen Projekt beschäftigt genug. Doch die Menschen kommen zu mir, schreiben mir Emails oder Briefe, sprechen mich bei Vorträgen und Workshops an. So viele sind auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben und denken, wenn sie es so machen, wie ich oder wenn sie nur den richtigen Rat erhalten, dann können sie glücklich sein. Das ist aber nicht so einfach.


Warum suchen Menschen gerade in unserer schnelllebigen Zeit nach dem Sinn des Lebens?

Ich denke diese Sehnsucht ist im Menschen seit jeher verankert. Seid wir aufrecht gehen gelernt haben sind wir auf der Suche nach dem „Warum“.


Du wirkst sehr zufrieden mit deinem Leben. Woher kommt diese Zufriedenheit?

Ich denke es ist wichtig, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Wir sind wie alle Lebewesen ein Teil der Natur und der Mensch ist da bestimmt nicht mehr oder weniger wichtig als zum Beispiel die Tiere. Aus meiner Sicht sind alle Lebewesen gleich bedeutend und keines ist intelligenter als das andere. Einmal hat ein hoch gebildeter Professor zu mir gesagt:“ Der Mensch ist intelligenter als die Kuh, weil er sich als einzige Spezies über den Tod Gedanken macht.“ Da hab ich ihm widersprochen. Ich bin mir sicher, dass sich Tiere ebenso viele Gedanken machen über das Leben wie wir, nur teilen sie sich nicht in der Art mit oder wir können es einfach nicht verstehen. Er hat mir dann Recht gegeben und gesagt: „Solange etwas nicht widerlegt ist, kann man sich nicht sicher sein.“.


Du sprichst von einer engen Verbundenheit zu Tieren, wann hast du die zum ersten Mal gespürt?

Als Kind habe ich viel Zeit mit unserem Schäferhund verbracht, hab mich im Sommer heimlich zu ihm in den Zwinger geschlichen und war schon fasziniert von seinem Verhalten. Tiere begeistern mich bis heute. Egal ob es das Mangalitza Schwein ist oder ein Pustertaler Sprinzen Stier, eine Hirschkuh (so eine ist uns gerade zugelaufen und wohnt nun bei den Kühen im Stall) oder unser Hund Aragon. Tiere sind einfach ehrlich und zeigen dir gleich, ob sie dich mögen oder nicht. Es ist auch sehr spannend, wie einzigartig ihre Art und ihr Charakter sind. Wir haben zum Beispiel einen jungen Stier, der ist von seiner Art her eher unruhig, so wie es seine Mutter schon gewesen ist. Das gibt es ganz viele Parallelen zu uns Menschen und von Tieren kann man unheimlich viel lernen.


Seit der Hofübernahme hat sich viel getan. Du bist heute Vorstand der Arche Austria, einem Vorzeigeprojekt für den Erhalt seltener Nutztiere, bist in ganz Europa bekannt, bist mit namhaften Politikern, Unternehmern und Berühmtheiten per Du. Wie hast du dich in den vergangenen Jahren verändert?

Ja das stimmt. Ich hab damals von einem Tag auf den anderen als Vollerwerbsbauer begonnen. Meine Eltern hatten ja die Gastwirtschaft am Seewaldsee. Für mich bedeutete das auch einen finanziellen Verzicht, aber das war einfach mein Weg. Verändert hab ich mich bestimmt. Früher habe ich mehr in Kasteln gedacht, ich glaube, dazu neigt der Mensch einfach, um sich das Leben zu strukturieren. Heute seh ich die Dinge viel mehr in runden, fließenden Formen. Nichts ist so starr, auch in der Natur nicht. Ich habe mich bestimmt weiterentwickelt, seit ich meine Frau, die Michi, und meine Tochter, die Sissi, habe. Mit meiner Familie verbringe ich so viel Zeit wie möglich, meine Frau und ich arbeiten den ganzen Tag miteinander. Das ist ein Geschenk.


Gibt es Vorbilder in deinem Leben?

Es gibt einige Menschen, die mich wirklich faszinieren. Einer meiner Mitarbeiter zum Beispiel. Von klein auf hatte er mit gesundheitlichen Problemen zu tun, später erkrankte er auch noch an Krebs und trotz all der Herausforderungen hat er den Mut am Leben nie verloren. Er ist einer der positivsten Menschen, die ich kenne. Das bewundere ich. Oder die jungen Menschen, die ihren Weg gehen und sich nicht beirren lassen – einfach faszinierend. Wirklich imponiert haben mir auch die Bauern in den Südtiroler Tälern, wo wir damals am Anfang der Arche Austria die letzten echten Nutztierrassen gefunden haben. Diese Menschen haben für ihre Tiere mit solch einer Leidenschaft gesorgt, sich so gut mit ihnen ausgekannt, das hat mich richtig berührt. Nach anfänglichem Misstrauen haben sie mich akzeptiert und mir alle gelernt, was ich für meine Arbeit als Archebauer gebraucht hab.


Was bedeutet Geld für dich?

Geld ist für mich nur insofern wichtig, dass ich meine Familie ernähren kann und ihnen ein zeitgemäßes, einfaches und gutes Leben ermöglichen kann. Je wichtiger man Geld nimmt, desto schwieriger wird es, zufrieden zu sein. Wenn man etwas tut, was einem aus ganzem Herzen Spaß macht, dann geht alles viel leichter und dann ergeben sich auch Dinge, die du vorher nicht für möglich gehalten hättest. Die Offenheit und die Freude am Tun, das ist wichtiger als der große finanzielle Reichtum.


Viele Menschen kommen zu dir auf die Alm, weil sie Sehnsucht nach Sinn verspüren. Woher kommt diese Sinnsuche und warum fällt es den Menschen so schwer, Glück und Zufriedenheit zu finden?

Weil sie nicht in sich selbst suchen. Die Menschen fragen sich immer: „Was mach ich, damit ich so werde wie die anderen?“ Wie der Nachbar, der erfolgreicher ist, der das größere Auto hat, wie der Kollege, der angesehener ist. Ganz gleich ob man ein Manager ist oder ein Bauer – es fängt immer bei einem selber an.Man muss Dinge ausprobieren, sich auf die Suche machen und natürlich scheitert man da auch mal. Ich denk mir immer „Ja was soll denn schon groß passieren?“.  Es gibt auch so viele verdrehte Annahmen. Zum Beispiel ist es sicher nicht so, dass Menschen mit viel Geld automatisch weniger glücklich und zufrieden sind. Einer meiner Bekannten ist sehr wohlhabend und von ihm hab ich einmal etwas sehr wichtiges gelernt. Er hat zu mir gesagt:“Thomas, die Menschen leben viel zu schnell. Sie gehen auch viel zu schnell auf den Berg hinauf. Schau dir das an – das Moos da – das ist faszinierend! Das kannst du dir minutenlang ansehen und kommst aus dem Staunen nicht mehr heraus.“ Recht hat er, es sind die kleinen Dinge, die man schätzen muss.


Wie wichtig ist dir der Glaube?

Ich bin auf jeden Fall ein gläubiger Mensch. Für mich war immer klar: Da muss mehr sein. Es gibt so viele Dinge, die wissenschaftlich nicht erklärbar sind. Alleine die Vielfalt der Schöpfung – das kann man gar nicht erklären, wenn man nicht an etwas Höheres glaubt. Menschen erzählen mir dann, dass sie an gar nichts glauben, dass sie nicht einmal Atheisten sind, weil die ja auch daran glauben, dass sie nichts glauben, aber ich denke wir suchen immer etwas, das uns hilft, die Welt zu erklären. Über zehn Jahre lang hat es gedauert, bis ich die Heilige Schrift von vorne bis hinten durchgelesen hatte und dann hab ich gewusst, die zehn Gebote wären eigentlich die Lösung für so viele Probleme auf der Welt. Wenn sich nur jeder daran halten würde, gäbe es viel weniger Leid. Das fällt uns Menschen aber einfach zu schwer. Doch wenigstens versuchen muss man es, jeden Tag, Schritt für Schritt. Immer wieder werde ich gefragt, was dann das Werk des Teufels ist. Für mich ist das die Unfähigkeit der Menschen, mit der Natur sinnvoll umzugehen. Wir zerstören unser eigenes Paradies.


Welchen Ratschlag würdest du einem 16-jährigen geben?

Im Sommer haben wir immer wieder Praktikanten auf unserer Alm. Mein Ziel ist es, ihnen zu mehr Orientierung in ihrem Leben zu verhelfen. Das kann aber nicht von außen kommen, da muss man schon in sich hinein spüren. Ich frage dann:“Hör in dich hinein. Was macht dir Freude? Was macht für dich Sinn? Was begeistert dich?“ Und nicht was wollen die Eltern oder die Freunde. Jeder hat ein Potenzial und gerade in der Jugend ist nichts schlimmer als wenn jemand deine Träume nicht Ernst nimmt oder dich auslacht. Wichtig ist es auch, auf die Ratschläge der Älteren zu hören und diese zugleich zu hinterfragen. Das ist die hohe Kunst, die Jugendliche lernen sollten.


Gibt es etwas, was du bereust?

Nein, überhaupt nicht. Alle Fehler prägen dich und die schmerzhaften besonders. Daran erinnerst du dich und ohne die wärst du nicht so weit gekommen.


Was bedeutet Luxus für dich? Was Verzicht?

Luxus bedeutet für mich, dass ich jeden Tag im Leben das tun darf, was mir Freude bereitet. Die Arbeit mit den Tieren, die Zeit mit meiner Familie. Kurz gesagt: Arche Bauer sein ist geil. Verzicht ist, wenn etwas mein Leben einschränkt, so wie gesetzliche Bestimmungen, die mich in meiner Arbeit behindern. Davon abgrenzen muss man aber den bewussten Verzicht. Der ist für mich wichtig und tut auch mal gut. Gerade auf Genussmittel zu verzichten ist für mich eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle.


Welche Bedeutung hat der Tod für dich?

Ich sehe den Tod als Zeichen der Erneuerung. Wenn alles ewig währen würde, wäre das sehr tragisch und würde uns in der Entwicklung bremsen.  Da wäre Stillstand. Auch wenn es schwer für die Hinterbliebenen ist, gehört das zum Leben einfach dazu. Bei den Tieren, die wir zum Schlachten bringen, ist mir das auch ganz wichtig: Das sie ein erfülltest Leben gehabt haben, dass sie Liebe erfahren haben und einen möglichst schnellen und schmerzlosen Tod ohne Stress haben.


 

Wir danken für das wunderbare Gespräch!

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