• Stefan Brandtner

    Visionär & Andersdenker

Philosophischer Querdenker auf Wanderschaft

Stefan Brandtner, gebürtiger Salzburger, geboren 1975, war in den vergangenen Jahrzehnten als Wirt fixer Bestandteil in Salzburgs Spitzengastronomie. Nachdem er renommierte Adressen wie die Plainlinde und die Pop Up Restaurants „Brandtner 63“ im Gusswerk, „Brandtner und seine Leit“ am Mozartplatz, „Brandtners Mithridat“ und zuletzt das „Brandtners Pardoxon“ in Nonntal geführt hat, beschloss er im Jahr 2016, das letzte Erfolgsprojekt abzugeben. „Zwei Eichen können nicht nebeneinander gedeihen“, erzählte er uns damals und meinte damit, dass er Platz mache für den neuen Wirten, seinen langjährigen Koch und Freund Martin Kilga und dessen Frau Anita. Dieser Schritt war das Ergebnis eines lange zuvor angestoßenen Entwicklungsprozesses, den Stefan Brandtner in den vergangenen Jahren durchlebt hat und bis heute durchlebt. Nach der Übergabe warfen er und seine Lebensgefährtin alle Weltreisepläne über Bord, packten seinen alten Land Rover Defender mit dem Nötigsten und machten sich auf den Weg zu einer Fahrt durch Europa, die fünf Monate dauern sollte. Zurück kam er mit Geschichten, Anekdoten und Erkenntnissen.

Stefan, du hast eine einzigartige Reise hinter dir. Wie hat diese Erfahrung dich verändert?

Die Reise führte uns durch Spanien, Portugal, Frankreich, Holland, Belgien bis nach Skandinavien und wieder nach Hause. Sie hat mich aber vor allem zu mir selbst gebracht. Ich war in den vergangenen Jahren immer mitten auf „meiner Autobahn des Lebens“ mit Vollgas unterwegs, auch in meiner Wertung und meiner Auffassung. Das hat sich verändert. Dieser Prozess braucht aber seine Zeit. Zu Beginn unserer Reise sind wir in jede Stadt gegangen, mit dem Ziel, das Schönste, Beste, Tollste zu entdecken. Nach zwei, drei Wochen haben wir dann eine Phase erlebt, die uns sehr gefordert hat. Als Menschen, als Paar. Wir sind da in unserem Dachzelt gesessen, draußen hat es in Strömen geregnet und wir haben wirklich viel Zeit gehabt, um über unser Leben und unsere Beziehung zu sprechen. Wir haben stundenlang geredet und sind uns auf einer ganz neuen Ebene näher gekommen. Und da haben wir gemerkt: So wollen wir diese Reise gar nicht erleben – nur von einem tollen Restaurant zum nächsten. Als wir das kapiert hatten, haben wir begonnen, die Zeit zu genießen. Städte bewusst zu erleben. Und uns auf das konzentriert, was uns wirklich wichtig war.


Viele Menschen bewundern deine Entscheidung: Du warst als Gastronom sehr erfolgreich, hast dich aber im Alter von 40 Jahren für einen anderen Weg entschieden. Was hindert andere, es dir gleich zu tun?

Wir Menschen haben Angst vorm Loslassen. Das ist auch ein ganz natürlicher Prozess, dennoch tut uns die Angst vor dem Loslassen nicht gut. Sie hindert uns an der eigenen Entwicklung. Ich habe gelernt, dass, je mehr ich in den vergangenen Jahren und Monaten losgelassen hab, umso mehr ist zu mir zurückgekommen. Dieses Loslassen zieht gute Dinge an, wie ein Magnet. Irgendwann hab ich begonnen, mich wieder richtig zu spüren. Und auch das Gefühl „I bin nimma im Radl“ war wahnsinnig positiv. Dann war und ist plötzlich alles möglich. Ich kann nur sagen: Loslassen ist der Schlüssel, der neue Türen öffnet.


Was bedeutet für dich Vergänglichkeit?

Alles ist vergänglich. Auch wenn scheinbar viel Lebenszeit da ist,  hat alles ein Limit. Der Mensch ist einfach ein Teil der Natur: alles was blüht, verblüht auch irgendwann wieder. Ich versuche, mit dieser Erkenntnis richtig umzugehen. Irgendwann ist das Leben zu Ende und was dann zählt ist nur, wie wir unser Leben gelebt haben.


»Wenn es in dir reiner wird, geht`s leichter.«

Auch deine Werte und Ziele haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert…

… kennst du den Spruch „Nur wer sich ständig verändert, bleibt sich ewig treu.“? Ich sehe das genauso und  befinde mich in einem permanenten Veränderungsprozess. Heute bin ich so weit, dass ich sage: Jeder tut, was für ihn das Richtige ist. Jeder hat einen Grund dafür, warum er so handelt und nicht anders. Diese Entwicklung findet step by step statt und was für den einen das Größte ist, passt für den anderen vielleicht überhaupt nicht. Das hat schon ganz viel mit einem selbst zu tun. Das Leben ist einfach subjektiv. Bei mir hat in den vergangenen Jahren eine starke „Ent-Wicklung stattgefunden. Das meine ich genauso – „ent – wickeln“, also so „sich ausdrehen“. Ich drehe mich aus aus meinen eingefahrenen Annahmen und mache mich frei für Neues und Anderes. Das ist unheimlich befreiend und nicht mehr wertend.


Diese persönliche Entwicklung braucht Zeit und Kraft. Woher hast du diese genommen?

Mir ist es ganz wichtig, immer wieder Zeit für mich selber zu haben. Das klingt sehr einfach, ist es auch. Wenn ich alleine unterwegs bin, am Motorrad oder in der Natur, dann spüre ich mich und meine Wünsche. Wie man Kraft schöpft, muss wohl jeder Mensch für sich selbst herausfinden.


Was machst du jetzt?

Leben. So, wie es mir gefällt. Meine Erfahrungen und Erkenntnisse, auch auf meinem spirituellen Weg, gebe ich gern an jene weiter, die nach Veränderung streben. Und es ist für mich nicht erstaunlich, dass viele beginnen, umzudenken – Menschen und wie auch Unternehmen. Die Zeit ist aus meiner Sicht reif dafür und das spüren wir alle, bewusst oder noch unbewusst.


Gibt es in deinem Leben Vorbilder?

Ja, meine Großeltern, die mit extrem wenig ausgekommen sind. Meine Großmutter hat meinem Vater, als er ein Kind war, an kalten Winterabenden einen warmen Ziegelstein ins Bett gelegt, damit er nicht so friert. Das waren wohl Zustände, die wir uns heute gar nicht mehr vorstellen können. Was mich auch sehr bewegt hat, war die Zusammenarbeit mit der Straßenzeitung „apropos“. Die Zeitungsverkäufer mit teilweise schwierigsten Lebensgeschichten müssen mit so wenig auskommen – und sind doch großteils zufrieden. Ich bewundere diese Menschen sehr.


Wer hatte es im Leben leichter: Wir oder die Generation unserer Eltern?

Ich glaube, dass die Menschen früher zwar weniger Wahlmöglichkeiten hatten, dafür aber mehr Klarheit, wohin ihr Leben geht. Sie mussten damals Aufbauarbeit für die nächsten Generationen leisten. Sie haben vielleicht auch intuitiver gehandelt, waren noch mehr mit der Natur, ihren Werten und vor allem miteinander verbunden. Heute gibt es Überfluss in allen Bereichen und ich würde sagen, zu viele Einflüsse und Möglichkeiten… Da ist es nicht verwunderlich, wenn jungen Menschen die Perspektive und der nötige Halt fehlen, um ihren Weg zu finden.


Was bedeutet Glück für dich?

Glücklich bin ich, seit ich nicht mehr im Außen nach Erfüllung suche. Und seit es nicht mehr wichtig für mich ist, was andere wohl über mich denken. Heute frag ich mich: „Worum geht’s am Ende des Tages?“ Für mich um’s Ehrlichsein zu sich selbst und darum, es sich gut gehen zu lassen. Dazu muss man das System, die Gesellschaft, das Leben, das man lebt, immer wieder hinterfragen.


Welchen Rat würdest du einem 16-jährigen geben?

Ich würde ihm sagen: Pass auf dich auf, hör in dich hinein und tu genau das, was gut für dich ist.


 

Wir danken für das wunderbare Gespräch!

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