Leidenschaftliche Schriftstellerin, die Menschen und Welten verbindet

Andrea Riemer ist eine beeindruckende Frau. Nach dem Doktorat in Betriebswirtschaft und in Militärwissenschaften samt Habilitation war die gebürtige Niederösterreicherin über viele Jahre in der Wissenschaft als freie Unternehmerin und im Verteidigungsministerium tätig. Ein tougher Job als alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Mit 49 Jahren krempelte sie ihr Leben noch einmal komplett um und erfand sich neu. Ein Gespräch über ihren Neustart in Berlin, ihre Berufung als Schriftstellerin, Vortragende und Beraterin für Persönlichkeitsentwicklung und darüber, warum weniger doch immer mehr ist.

Liebe Frau Riemer, eine Karriere im Verteidigungsministerium – das klingt nach einem sehr ungewöhnlichen Weg für eine Frau…!

Das war es definitiv! Nach meinem Doktorat in Betriebswirtschaft wechselte ich in die Anfang der 1990er Jahre aufkommende umfassende Sicherheitspolitik und hatte mein eigenes Beratungsunternehmen dazu. Damals, Anfang der 1990er Jahre, war das Thema Sicherheit plötzlich sehr präsent. Ich war international tätig, war unterwegs zwischen den USA und Europa, habe viele Beziehungen geknüpft. Danach war ich die erste Dekanin an einer Privatuniversität in Wien und ab 2003 war ich an der Landesverteidigungsakademie am Institut für Strategie und Sicherheitspolitik, zuerst für Strategie zuständig und ab 2008 war ich Institutsleiterin als erste Frau, die im Verteidigungsministerium eine Abteilung leitete. Während dieser Tätigkeit bekam ich die Möglichkeit, ein weiteres Doktorat in Militärwissenschaften zu machen. Die Leitung des Instituts in diesem männerdominierten Umfeld war eine sehr interessante Zeit und ich durfte viel lernen.


Wieso haben Sie Ihren sicheren Job aufgegeben? Sie waren kurz vor Ihrem 50. Geburtstag, als Sie Ihr Leben komplett umgekrempelt haben…?

Ich habe viel erreicht – akademisch und im zivil-militärischen Umfeld – und hatte einen sicheren Job, das stimmt. Aber irgendwann war Alles auserzählt. Außerdem wurden mir die Strukturen zu eng und es hatte einige zwischenmenschliche Konflikte gegeben, die sich trotz aller Bemühungen nicht lösen ließen. Eigentlich war es letzten Endes eine Sekundenentscheidung, ich wusste plötzlich: Es ist an der Zeit, mein Leben grundlegend zu ändern. Ich habe zu mir selbst gesagt: „So, jetzt bist du 49, der 50er lacht dich an, wenn du dich noch mal neu erfinden möchtest, dann jetzt!“


Heute sind Sie Schriftstellerin. Sie beschäftigen sich vor allem mit Themen wie Achtsamkeit und Bewusstsein. Wie passt das mit Ihrem früheren Beruf zusammen? 

Wenn man sich mit sicherheitspolitischen Themen und mit Strategie beschäftigt, kommt man unmittelbar mit Philosophie in Berührung! Früher waren die Disziplinen noch nicht so streng aufgeteilt wie heute – die großen Philosophen der Vergangenheit hatten sich mit Kriegsführung und mit Führung im Allgemeinen intensiv beschäftigt und ich habe dort viele Antworten auf aktuelle Fragen gefunden. Ich war schon immer ein sehr neugieriger Mensch und die philosophischen Schriften haben mich sogleich fasziniert. Dann habe ich mich zunehmend auch mit der buddhistischen Lehre auseinander gesetzt und habe im Jahr 1997 auch die Begeisterung für spirituell-philosophische Lehren entdeckt. Das steckte ja damals noch in den Anfängen. Von Aristoteles bis Eckhart Tolle, bis heute lese ich sehr viel. Außerdem habe ich mich mit Fachgebieten wie der Neurowissenschaften und Quantentheorie beschäftigt. Zudem begleitet mich die Astrologie seit mehr als 30 Jahren. Die Grundlage meiner beratenden Tätigkeit, wie ich sie heute ausübe, ist auch von der Erkenntnissen aus der systemischen Aufstellungsarbeit geprägt. Das sind einfach interessante Felder und man findet oft überraschende Knotenpunkte, die man so niemals erwartet. Ich bin nach wie vor sehr umfassend interessiert und bleibe stets neugierig. Und ich verbinde sehr gerne das scheinbar Unverbindbare. Das finde ich spannend und hält mich im Geist und im Herzen fit. Und – es gibt immer wieder neue Fragen, die ich viel interessanter als jegliche Antwort finde.


Sie sind von Wien nach Berlin gezogen. Was war der Grund dafür?

Als ich im März 2009 erstmals in Berlin war, dachte ich mir – da könnte ich mir vorstellen zu leben. Dann fügten sich die Dinge wie manches Mal im Leben. Ich hatte dann ab dem Jahr 2011 einen Lehrauftrag als Gastprofessorin in Berlin und habe die Stadt lieben gelernt. Ich hatte mich vom ersten Moment an wohl gefühlt. Diese Weite, diese Offenheit, das hat mich von Beginn an beeindruckt. Man spürt hier die Folgen der jahrelangen Teilung der Stadt. Hier in Berlin herrscht eine geistige Freiheit, ein Spirit, den ich ihn Wien nie kennen gelernt habe. Meine beiden Söhne waren zu dem Zeitpunkt meines Wechsels bereits erwachsen, ich war ungebunden, habe meine sieben Zwetschken zusammen gepackt und habe Wien Mitte 2012 den Rücken zugekehrt. Danach bin ich eineinhalb Jahre lang nicht mehr nach Österreich gekommen. Diesen Abstand habe ich einfach gebraucht. In Österreich versuchen die Menschen oft, andere an ihrem Erfolg zu hindern, der Neid ist schon sehr verbreitet. In Berlin ist das anders, da sagen die Leute: „Ja, mach mal!“. Man probiert sich einfach aus und wenn nichts daraus wird, ist das auch kein Drama. Dann gibt es etwas Neues. Und irgendwann schafft man den Durchbruch.


Wie war es für Sie, in einer fremden Stadt als Frau alleine eine neue Existenz aufzubauen?

Das Jahr 2012 war für mich ein sehr kritisches Jahr. Ich habe vollkommen von Null begonnen und habe alles, was ich mir bis dahin aufgebaut hatte, von Grund auf in Frage gestellt. Inklusive mich selbst, das, was ich bin, wie ich denke, was ich tue! Das war der Beginn einer intensiven Entwicklungsphase, die bis Mitte 2016 angedauert hat. Es war eine unheimlich kräfteraubende und herausfordernde Zeit. Doch das war aus meiner Sicht unabdingbar, denn ich wollte mein Leben tatsächlich auf neue Beine stellen – und das konnte nur ich alleine machen. Da konnte mir niemand helfen.


Hatten Sie einen beruflichen Plan für die Zeit in Berlin?

Nein, mir wurde zwar bald angeboten, eine Privatuni als Dekanin mit aufzubauen, aber ich wusste: Ich möchte mein eigener Chef sein. Das Schreiben ist mir immer schon leicht gefallen und ich habe während meiner akademischen Karriere bereits zahlreiche Fachtexte und Bücher verfasst. Außerdem hatte ich in meinen so rund um mein 30. Lebensjahre eine Gesangs- und Sprechausbildung absolviert und war zudem schon immer sehr an klassischer Musik und an Jazz-Musik interessiert. Irgendwie hat es sich dann alles so ergeben, dass sich diese Bereiche verbunden haben. Meine ersten wirklich bekannten Bücher waren stark philosophisch orientiert. „Was wäre wenn … Ich bin“ ist ein Werk über elf Frauengestalten, in deren Rolle ich fiktiv schlüpfte und viele meiner Erfahrungen als Frau in Führungsaufgaben poetisch verarbeitete. Da bin ich so richtig auf den Geschmack gekommen, aus Fach- und Sachbüchern auszusteigen und mein eigenes Genre zu erfinden. Ich wurde um eine Lesung für eine private Gesellschaft gebeten, bei der auch ein Konzertpianist spielen sollte. Durch dieses Miteinander entstand ein völlig neues künstlerisches Konzept: Die Lesungskonzerte, bei denen meine Lesung durch klassische Musiker oder Jazz-Musiker begleitet wird.


Sie schreiben Bücher, halten Vorträge, sind beratend tätig. Das klingt nach viel Arbeit…

Ich habe in den Jahren 2015 und 2016 sehr viel gearbeitet. Ich habe meine wöchentliche Kolumne bei culturahamburg.com, Essays bei Huffingtonpostund Bücher geschrieben und meine eigene Radiosendung SOULFOOD bei Radio Planet Berlin ein Mal jede Woche am Mittwoch von 21-22 Uhr. Zugleich war ich künstlerisch ebenso interessiert wie intellektuell, hatte gut 50 Veranstaltungen im Jahr und bin nur noch herumgeschossen. Es hat sich alles wie eine Schrotflinte angefühlt. Es ergaben sich einfach so viele Möglichkeiten und ich hatte jede davon genützt, diese Dynamik war beeindruckend. Doch dann habe ich gespürt: So kann es auf Dauer nicht weiter gehen. Ich musste konsolidieren, neue Strukturen aufbauen und auch inhaltlich nachschärfen. Früher habe ich eher in Schubladen gedacht und einen Teil von mir als die Schriftstellerin, einen anderen als die Künstlerin und wieder einen anderen als die Beraterin gesehen. Dann habe ich eben sehr kritisch Bilanz gezogen, verdichtet und vor allem reduziert. Heute weiß ich: Ich bin nicht mehr das eine oder das andere, ich bin die Gesamtheit daraus. Und das kommuniziere ich mittlerweile auch.


Wie ist es Ihnen gelungen, herauszufinden, was Ihre eigentliche Berufung ist?

Dafür musste ich einiges sein lassen und mich darauf konzentrieren, was wirklich meiner Begabung und meinen Vorstellungen entspricht. Ich habe mich gefragt: Was kannst du und was bringt mein Herz zum Singen, also was macht mir richtig Freude? Und meine Antworten waren: Schreiben, sprechen und beraten. Und genau das tue ich jetzt. Das kann sich aber auch wieder ändern! Das Leben ist nicht starr, sondern stets in Bewegung. Das Jahr 2017 war für mich ein sehr herEINforderndes Jahr. Ja, ich sage herEINfordernd, weil mich die Aufgaben ins Leben herein bringen.


Was bedeutet Achtsamkeit für Sie konkret im Alltag?

Es geht mir ums Gewahrsein – so oft wie möglich im Lebensalltag. Die Vergangenheit lasse ich dort, wo sie ist, die Zukunft kommt ohnehin; was zählt, ist das Jetzt. Ich habe über viele Jahre die Manifestation des Moments geübt. Wenn ich gedanklich sauber und fokussiert bleibe, kann ich achtsam im Moment leben. Doch wenn ich mich mit negativen Gedanken ablenke, komme ich automatisch in eine Spirale, die mir nicht gut tut. Das ist ein laufender Prozess, eine kritische Selbstbeobachtung, ohne sich zu zerfleischen. Ich mache das schon mal auch aus der liebevollen Distanz. Man darf nie vergessen – man ist auch Mensch.


Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?

Ich komme aus einer leistungsstarken Familie und bin sehr zielstrebig. Die Zutaten für mein Tun sind Offenheit, Selbstbeobachtung, Disziplin und Hingabe. Ohne diese geht es nicht. Wenn man das macht, was einem Freude bereitet – und die kommt aus der Offenheit und der Selbstbeobachtung, dann kommt die Hingabe ganz von selbst; die Disziplin, also das Dranbleiben an einer Idee, an einem Traum, muss man sich aneignen.


Welche Rolle spielt Spiritualität in Ihrem Leben?

Meine Familie war sehr katholisch, doch ich habe der Amtskirche schon früh den Rücken zugekehrt. Die darf auch sein, ganz klar und ich verstehe, wenn andere Menschen sich damit identifizieren können – Religion ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Ich habe einen eigenen Blick für die Bibel entwickelt. Tief in mir weiß ich mich geführt, fühle mich stark verwurzelt und weiß, dass ich vertrauen kann. Ich sehe mich als Teil des großen Ganzen unseres Universums. Dabei delegiere ich aber keinen Gott nach Außen. Ich weiß mich schon klar in der Eigenverantwortung, auch wenn es anders manchmal leichter wäre.


Sie beschäftigen sich viel mit Philosophie und Spiritualität und mit aktuellen gesellschaftlichen und existenziellen Fragestellungen,. Welche Bedeutung haben diese Lehren für Sie und Ihr Leben?

Je älter ich werde und je mehr ich mich mit mir selbst beschäftige, desto mehr erfahre ich, dass die großen Denker uns Impulse geben, wir die Antwort auf unsere Fragen jedoch immer selbst finden müssen.

»Ich habe mich gefragt: Was kannst du? Was bringt dein Herz zum Singen?«

Haben Sie ein Motto?

Mein Motto lautet: Menschen und Welten verbinden. Es beschreibt zugleich meinen Auftrag in dieser Welt.


Worin liegt in Ihren Augen der Sinn unseres Daseins?

Es geht darum zu erkennen, was unser Auftrag auf Erden ist. Dafür ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen, ganz ruhig zu werden und nach innen zu hören. Dort liegt die Antwort auf das, was wirklich wichtig ist. Wenn erforderlich, dann holt man sich Hilfe. Da gibt es unzählige Möglichkeiten dafür. Auch ich nehme mich davon nicht aus. Und ich halte das für ausnehmend wichtig.


Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich bin mir ganz sicher, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und dass wir aus einem Großen Ganzen kommen, das letztlich durch unseren begrenzten Verstand nicht fassbar ist. Unsere Zeit hier auf Erden ist nur ein Wimpernschlag. Zugleich finde ich es ganz wichtig, dass wir uns im Jetzt, im Heute bewegen und uns jeden Tag, jeden Moment bewusst machen, den wir haben. Wir müssen präsent sein, ja wahrhaftig sein!


Welchen Ratschlag würden Sie einem Menschen geben, der an einem Scheidepunkt in seinem Leben steht?

Gar keinen! Ein Rat-Schlag, das muss man genau so schreiben, ist aus meiner Sicht völlig vermessen! Ich bin als Schriftstellerin und im weitesten Sinn als Beraterin tätig und gebe dabei den Menschen aber nie etwas vor. Vielmehr begleite ich sie ein Stück ihres persönlichen Weges, damit sie erkennen, dass die Antwort auf alle Fragen in ihnen selbst liegt. Ich arbeite dabei ganz viel mit Fragen, die der Mensch sich selbst stellen kann. Die Fragen bringen Bewegung hinein – nicht die Antworten. Viele Menschen kommen zu mir und möchten zum Beispiel etwas über ihre Familiensysteme erfahren. Dann frage ich sie: „Wieso möchtest du das wissen?“ und die Antwort lautet meist: „Weil`s mich interessiert.“. Das ist verständliche menschliche Neugierde, aber diese Antwortbringt uns nicht weiter. Auch die Fragen: „Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?“ beeinflussen den Moment nicht; vielmehr gibt man durch die Antworten darauf dem Ego Futter und beruhigt sich. Karma ist für viele eine willkommene Ausrede, sie vergessen jedoch, dass wir jederzeit aus dem Karma aussteigen können. Wir können den Moment erkennen, uns unsere Handlungsspielräume bewusst machen und im Jetzt handeln. Das Heute ist wichtig!


Ihre Arbeit steht im Jahr 2018 unter dem Motto „Mindfulness & Consciousness“. Wie wichtig ist es für Sie, konkrete Ziele zu haben?

Die Themen Achtsamkeit und Bewusstsein bestimmen meine Arbeit und ich möchte mich bewusst reduzierter darauf konzentrieren – in meinem neuen Buch „Botschaften des Lebens“ ebenso wie bei Vorträgen und bei meinen Beratungen ohnehin. Ich habe viel weiter zu geben. Selbstverständlich habe ich Ziele, um mich zu überprüfen. Doch im Gegensatz zu früher nutze ich meine Ziele heute dazu, um zu sehen, ob ich nicht zu viel arbeite. Ich habe erkannt, dass der Rechenschieber eben nur 100 kennt, wenn 95 Prozent für die Arbeit verwendet wird, dann bleiben nur noch fünf Prozent für den Rest meines Lebens. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Für mich sind Ziele Leitlinien, um nicht planlos durchs Leben zu wandern. Meine Ziele sind aber niemals statisch, oft ergibt sich das Ziel am Weg.


Welche Frage würden Sie sich selbst stellen?

Die Allerwichtigste: Wer bin ich?


Und wie lautet Ihre Antwort?

Ein spirituelles Wesen auf Erdenreise, das viel Erfahrung sammelt.

Wir bedanken uns für das wunderbare Gespräch!

Mehr über Andrea Riemer und Informationen zu ihrem aktuellen Buch gibt es hier: andrea-riemer.at

fotocredits (c) Gerd Eiltzer

»Die allerwichtigste Frage lautet: Wer bin ich?«

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