• Adrian Goiginger

    „Die beste aller Welten“

Die beste aller Welten

Adrian Goiginger wuchs im Salzburger Drogenmilieu auf. Seine Mutter und sein Stiefvater waren schwer Heroin abhängig, die Wohnung in Liefering als Treffpunkt für Junkies bekannt. Heute zählt Adrian Goiginger zu den ganz großen Hoffnungen der österreichischen Filmkunst. Seine Kindheit hat er im Kinofilm „Die beste aller Welten“ verfilmt. Er entführt den Zuseher authentisch und ungeschönt ins Drogenmilieu. Ein Film, der uns bewegt hat, wie kaum ein zweiter. Diese Autobiografie ist zugleich eine Hommage an seine Mutter, die ihm das gegeben hat, was Kinder wirklich brauchen: Zuwendung und Liebe. Ein Gespräch über seine ungewöhnliche Berufswahl, über die Rolle des Glaubens und das Geheimnis des Glücks.

Hallo Adrian, dein Film „Die beste aller Welten“ wurde mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Er zeigt dich als 7-jährigen Sohn deiner drogensüchtigen Mutter. Am Ende wird deine Mutter clean. Was hat ihr dabei geholfen?

Meine Mutter fand zur christlichen Drogenarbeit in Salzburg. Dort wurde ihr gesagt „Gott liebt dich, so wie du bist.“ Gott sagt nicht: „Werde erst clean, und dann liebe ich dich.“


Was ist das besondere an dieser Botschaft?

Menschen, die drogensüchtig sind, hören immer, dass sie erst clean werden müssen, um wertvoll zu sein. Das war dort anders. Sie wurden von Gott geliebt, ganz gleich ob sie drogensüchtig waren oder nicht. Auch mein Stiefvater Günter Goiginger kam durch die christliche Drogenarbeit weg vom Heroin. Von einem Tag auf den anderen hat er nichts mehr angerührt – auch keine Zigarette. Heute hilft er Drogensüchtigen, von ihrer Sucht loszukommen. Ganz ohne Anstellung oder Verein.


Du warst während dieser Zeit bei deinen Großeltern. Wie ging es danach weiter?

Als meine Eltern wieder gesund waren, haben wir noch zwei Jahre lang in der Wohnung gelebt. Die alten Bekannten sind noch ein und aus gegangen, meine Mutter hat ihnen Tee gekocht und ihnen von der christlichen Drogenarbeit erzählt. Wir sind dann aber doch weggezogen, weil es viele Probleme gegeben hat. Alle haben geglaubt, dass wir noch Drogen in der Wohnung haben, sie aber nur nicht hergeben wollen. Nachdem meine Eltern clean geworden sind, ist es zuhause schon ein bisschen strenger geworden. Sie haben mehr Regeln gesetzt, wollten, dass ich die Hausübung ordentlich mache, aber die schulische Leistung war nach wie vor meine Verantwortung.


Eine Szene im Film zeigt, wie du deine Mutter fragst: „Mama, kann man eigentlich Abenteurer werden?“ Und deinen Mutter antwortet: „Du kannst alles werden, was du willst.“ Hast du das auch so empfunden?

Ja, auf jeden Fall. Meine Mutter hat mir dieses Bewusstsein mitgegeben. Sie selbst hat keine Ausbildung absolviert und immer Aushilfsjobs gemacht. Aber mir hat sie das Gefühl gegeben, alles machen zu können, was ich möchte. Ich wollte auch wirklich Abenteurer werden.


Wieso fiel die Wahl dann auf Drehbuchautor und Regisseur?

Als ich 11 Jahre alt war, habe ich „Forrest Gump“ zum ersten Mal gesehen. Dieser Film hat mich so fasziniert. Ich war von den Gefühlen überwältigt und war noch nie so oft zwischen Lachen und Weinen – wochenlang hatte mich dieser Film noch gepackt. Damals dachte ich mir: „Wahnsinn, was ein Film kann!“. Bis heute bin ich begeistert, welche Kraft das Medium Film hat. Ich finde, dass auch Drehbuchautor und Regisseur ein abenteuerlicher Beruf ist!


Wie wird man eigentlich Drehbuchautor und Regisseur?

Nach der Hauptschule bin ich in die Handelsakademie gegangen. Dort habe ich den IT-Zweig besucht und bald haben wir kleine Filmprojekte gestartet. Unsere Lehrer haben uns dabei sehr unterstützt! Mein Kollege Martin Pfeil hat sich schon damals sehr für das technische interessiert, ich mich mehr für den kreativen Teil und so haben wir schon während der Schulzeit unser erstes richtiges Filmprojekt initiiert und direkt nach der Matura zu dritt unsere eigene kleine Firma gegründet. Dazwischen habe ich Drehbuch und Regie studiert. Bis heute kümmert sich Martin um die technische Umsetzung und ich mich um das Kreative.  Mit ihm und Peter Wildling hab ich nach der Schule die Filmfirma „2010 Entertainment“ gegründet.


Haben deine Eltern dich unterstützt?

Selbstverständlich. Zwar nicht finanziell, aber dafür mit Herz, Einsatz und Leidenschaft. Ich habe keinen klaren Weg vorgegeben bekommen, niemand hat mir gesagt, was ich wie machen soll. Meine Eltern haben gesagt: „Mach was du willst, nicht das, was andere dir sagen.“ Für meine Mutter war klar, dass ich es so, wie ich es mache, schon richtig machen werde.


Heute bist du einer der bekanntesten Regisseure Österreichs, doch deine Berufswahl war sehr ungewöhnlich. Hattest du keine Angst vor dem Versagen?

Für mich war klar, dass ich Regisseur und Drehbuchautor werde. Ich hatte einfach keinen Plan B. Wenn ich keinen Erfolg habe, sterbe ich dabei, es zu versuchen. Wir hatten das Glück, dass in den vergangenen Jahren vieles gut gelaufen ist, wirklich schwere Zeiten hat es nicht gegeben. Aber natürlich steckt da viel harte Arbeit dahinter. Als Regisseur bist du für den Erfolg des Filmes verantwortlich und wenn das Drehbuch nichts wert ist, kann die beste Technik nichts daraus machen. Das spürt man am Set sofort. Ich denke dabei immer an ein Zitat von Augustus: In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.


War deine Mutter eine gute Mutter?

Ja, auf jeden Fall. Sie ist mit ihrer Drogensucht offen umgegangen und hat mir das einzige gegeben, was ein Kind wirklich braucht: Bedingungslose Liebe, Geborgenheit und Zuneigung. Ich hatte zwar nicht die tollsten Spielsachen, aber das habe ich auch nicht gebraucht. Dafür waren wir sehr viel in der Natur unterwegs, haben am Flussufer gespielt und unter freiem Himmel übernachtet. Ich habe mich nie alleine gefühlt.

»Die Traumkindheit gibt es einfach nicht.«

Du hast bereits als kleiner Junge vieles miterlebt, was nicht sein hätte müssen. Trotzdem klingen deine Erzählungen sehr versöhnlich, es gibt keine Anschuldigungen deiner Mutter gegenüber und es ist auch wenig Negatives spürbar. Hast du dich nie von diesem Leben abgewendet?

Jede Kindheit hat ihre schönen und ihre schweren Seiten. Ich habe Freunde, die sehr behütet aufgewachsen sind, aber trotzdem Vieles miterlebt haben. Hinter der gutbürgerlichen Fassade tun sich Abgründe auf. Die Traumkindheit gibt`s einfach nicht. Meine Mutter hat trotz ihrer Sucht immer alles getan, was möglich war, um mir ein gutes Leben zu ermöglichen. Aber ja, ich habe mich einmal von diesem Leben abgewandt, als ich in der Pubertät war. Mit 14 Jahren, als ich in der Handelsakademie mit lauter Kindern von Unternehmern und Banker war, da habe ich mich auch für meine Eltern geschämt, die versucht haben, vom Mindestlohn zu leben. Doch später habe ich diesen Teil meines Lebens akzeptiert und meine Herkunft als Teil von mir erkannt.


Welchen Rat würdest du einem 16-jährigen geben?

Mache, wonach dein Herz schreit. Nimm dir Zeit, das herauszufinden. Wichtig ist, sich selbst und alle anderen immer wieder zu hinterfragen. Egal ob beruflich oder privat, ich denke, die größte Gefahr ist, dass wir Menschen heute ständig vernetzt und abgelenkt sind. Gerade junge Menschen nehmen sich zu wenig Zeit um herauszufinden: „Wer bin ich?“. „Woher komme ich?“. „Welche Sinn hat mein Dasein?“. Wir haben nur wenig Zeit auf der Erde, die wir nutzen können.


Was bedeutet Glück für dich?

Ich denke, viele Menschen sind unglücklich, weil sie nicht wissen, wozu sie hier auf der Erde sind, sie haben keine Ziele. Die Frage „Wozu bin ich da.“ muss jeder für sich selbst beantworten.


Der christliche Glaube hat deinen Eltern sehr geholfen. Bist du religiös?

Ich bin auf jeden Fall sehr gläubig und glaube fest an Jesus. Aber ich halte nichts davon, dass man als Eltern seine Kinder zum Glauben zwingt, indem man sie tauft oder Ähnliches. Jeder muss selbst zum Glauben finden. Die Entscheidung dazu darf man Kindern auch nicht nehmen. Jedes Kind glaubt an Gott, im Alter von 10 oder 11 Jahren habe ich mich dann etwas distanziert und begonnen, alles in Frage zu stellen. Ich habe mich mit anderen Glaubensbekenntnissen beschäftigt, viel gelesen und für mich entschieden, dass ich mich im christlichen Glauben wirklich zuhause fühle. Das ist etwas, was man nicht rationell erklären kann, das spüre ich – da ist eine besondere Kraft.


Gibt es Vorbilder in deinem Leben?

In beruflicher Hinsicht gibt es viele: Quentin Tarantino, Alejandro Iñárritu, Stanley Kubrick, Charlie Chaplin, in Österreich Ulrich Seidel. Persönlich fällt mir in meine Umfeld niemand bestimmter ein, aber aus menschlicher Sicht die Grundhaltung von Jesus als Christ.


Welche Bedeutung hat der Tod für dich?

Er ist der Beginn des ewigen Lebens. Klar, jeder Mensch hat Angst vor dem Tod, das ist auch ganz natürlich, ganz egal, wie gläubig man ist. Aber zu wissen, dass das Leben endlich ist, kann auch dazu führen, dass wir uns der Kürze des Lebens bewusst werden und es sinnvoll nutzen. Ich empfinde eine Art neugierige Angst vor dem Tod – schließlich hat ihn ja noch niemand überlebt.


Deine Kindheit war begleitet von Geldsorgen. Welche Rolle spielt Geld heute für dich?

Wir hatten nie genug Geld, das stimmt, doch ich denke, eine erdige Kindheit schützt vor dem Abheben. Meine Mutter hat mir dieses Hippie-Leben mit „love and peace“ sehr authentisch vorgelebt. Geld spielt auch heute ein denkbar geringe Rolle in meinem Leben. Es ist eben praktisch – so wie ich auch ein Handy nutze, denn es erleichtert die Kommunikation. Trotzdem würde ich mir nie ein sauteures Smartphone kaufen. (Anm.: Adrian Goiginger besitzt kein Smartphone, weil er „gut ohne auskommt“.) Geld ist ein Zahlungsmittel, das praktischer ist als der Tauschhandel. Man muss nicht mehr so viel mit sich rumschleppen. Aber Geld ist auch ein Suchtmittel für viele Menschen. Es gibt wenige Dinge, die ich des Geldes wegen mache. Ich habe viele Angebote erhalten, bei denen ich gutes Geld verdient hätte. Aber wenn ich nicht wirklich dahinter stehe, mache ich das nicht.


Gibt es ein Motto, das dich begleitet?

Nach dem Bundesheer habe ich mir ein Tattoo auf den Rücken stechen lassen: „Every breath brings you one step closer to death“. Unsere Zeit auf Erden ist eben begrenzt und wir sollten uns gut überlegen, wie und mit wem wir sie verbringen möchten. Der Spruch erinnert mich immer wieder daran, diese Gewissheit auch im Alltag nicht zu vergessen.


Welche Fragen würdest du dir selbst stellen?

Als Regisseur und Drehbuchautor ganz klar: Welche Themen beschäftigen dich gerade?


Und wie lautet deine Antwort?

Mir geht`s immer um echte Emotionen und um ganz große Schicksale. Themen wie Glück, Zufriedenheit, Liebe, ein Leben ohne Liebe… in einem ganz kleinen Kosmos erzählt.

Wir bedanken uns für das wunderbare Gespräch!

»Für mich war klar, dass ich Regisseur und Drehbuchautor werde. Ich hatte einfach keinen Plan B.«

Titelbild: © Jonas Schneider